Ich liebe meinen Beruf, aber ich hätte gerne mehr Zeit für meine Familie, meine Blumen – und einen großen Hund

Die Rasenden Reporter im Interview mit Dr. Judith Pschibille, Schulleiterin des Bodelschwingh-Gymnasiums Herchen.

Viel Arbeit, schlechte Bezahlung: Warum wollten Sie eigentlich Schulleiterin werden?

Ich wollte gerne Schule gestalten können und mitbestimmen, wie Unterricht für Kinder aussehen soll. Das geht am besten als Schulleiterin. Alleine bestimmen kann man nicht, da sind die Schüler und Elternvertreter und die Lehrer, die mitbestimmen, vor allem auch die Trägerin: die Kirche, der die Schule gehört. Ich kann aber als Schulleiterin auf jeden Fall Ideen einbringen.

Sie feiern im Schuljahr 2019/20 Ihr zehnjähriges Jubiläum als Schulleiterin des BGH. Haben sich Ihre Vorstellungen von diesem Beruf erfüllt?

Ich glaube, so richtig vorstellen kann man sich im Vorfeld nicht, was der Beruf alles beinhaltet, das wird einem erst nach Jahren klar. Er ist sehr vielseitig, mir gefällt er immer noch sehr gut. Insgesamt ist es eine schöne Aufgabe, aber natürlich gibt es auch schwierige Situationen. In unserer Schule versammeln sich täglich über 700 Menschen. Da gibt es natürlich viele Konflikte, weil die verschiedenen Personenkreise wie Schülerinnen und Schüler, Lehrerinnen und Lehrer, die Verwaltung etc. manchmal unterschiedliche Interessen haben. Auch kommt es immer wieder mal vor, dass jemand gesundheitliche Probleme hat, sodass er oder sie die Alltagsaufgaben nicht mehr bewältigen kann. Das ist sowohl bei den Erwachsenen als auch bei den Schülerinnen und Schülern immer sehr traurig.

Was haben Sie vorher beruflich gemacht?

Ich war stellvertretende Schulleiterin am Gymnasium in Lindlar im Oberbergischen Kreis. Davor Lehrerin am Abendgymnasium in Köln, wo Erwachsene das Abitur nachholen können. Unterricht von 18 bis 22 Uhr – das war für alle Beteiligten sehr anstrengend. Vor allem freitags: Wenn alle ins Wochenende starteten, dann musste ich noch in die Schule. Mein Referendariat habe ich am Amos-Comenius-Gymnasium in Bonn absolviert. Aber zunächst habe ich etwas ganz anderes gemacht: Ursprünglich bin ich nämlich Krankenschwester gewesen. Ich habe meine dreijährige Lehre in Frankfurt am Main absolviert und bin ein Jahr lang Krankenschwester im Johanniter-Krankenhaus Bonn gewesen. Dort habe ich auf der Inneren Station gearbeitet, wo auch Patienten behandelt wurden, die wegen einer Krebserkrankung eine Chemotherapie benötigten. Dafür musste ich einen Lehrgang an der Universität Köln besuchen. In der Universität zu sein, hat in mir den Wunsch zu studieren wachgerufen. Für das Studium habe ich dann meine Arbeit gekündigt.

Inwiefern beeinflusst die Tatsache, dass Sie selbst Kinder haben, Ihre Tätigkeit?

Durch meine Erfahrungen als Mutter arbeite ich anders, auch als Lehrerin. Seit ich selbst Kinder habe, weiß ich, wie schwer das Lernen manchmal fällt. Oder wie blöd es ist, in die Schule zu gehen, wenn man nicht gut drauf ist. Dieses Wissen nehme ich mit in meine Arbeit.

Wie kommen Ihr Mann und Ihre Kinder damit klar, dass Sie so große Verantwortung tragen und so viel arbeiten?

Ich muss in der Tat lange arbeiten. Und dann bin ich manchmal nur eine halbe, Dreiviertelstunde zu Hause, bevor ich wieder los muss. Zu Hause muss ich auch noch für die Schule arbeiten. Deshalb kann ich nur sehr wenig für meine Kinder da sein – das ist natürlich schade. Da aber mein Mann nur ein paar Stunden arbeitet und ansonsten zu Hause ist, ist er der Hauptansprechpartner für unsere Kinder. So haben wir alle gelernt, dass ich für die Familie nur wenig zur Verfügung stehen kann. Aber ich versuche so viel Zeit wie möglich mit meiner Familie zu verbringen.

Wie können wir uns den Beruf der Schulleiterin vorstellen?

Ich komme mir manchmal vor wie ein Koch, der in ganz vielen Töpfen gleichzeitig rührt. Oder wie ein Jongleur, der mit ganz vielen Bällen gleichzeitig jongliert: Hier muss man was mit den Eltern regeln, da was mit der Bezirksregierung klären, dort was mit den Schülern, man muss eine Vertretung für einen erkrankten Lehrer organisieren, überlegen, wie man während der großen Sommerhitze gut unterrichten kann, jetzt müssen wir gucken, dass wir die Schule wieder von G8 auf G9 umstrukturieren. Mit anderen Worten ist der Beruf des Schulleiters, der Schulleiterin sehr vielseitig und geprägt von einem Alltag, in dem viele viele Entscheidungen getroffen werden müssen. Dabei gleicht kein Tag dem anderen.

Was sind Ihre Ziele für unsere Schule?

Ich möchte, dass die Kinder gerne in die Schule gehen. Dass sich unsere Schülerinnen und Schüler am BGH wohl fühlen. Dass es ihnen Spaß macht, zu lernen, sie gut in der Schule sein möchten, dass sie auch viel Erfahrungen sammeln können und sich hier zu tollen, starken Menschen entwickeln. Davon träume ich. Wir legen hier die Basis für euer späteres Leben – für euren Beruf und euer Zusammenleben mit anderen Menschen, für eure Familie. Da kann Schule einen Beitrag zu leisten. Das finde ich eine wichtige Aufgabe, deswegen bin ich gerne Schulleiterin.

Wünschten Sie sich trotzdem manchmal, eine normale Lehrerin zu sein?

Ja! (lacht) Das wünsche ich mir manchmal. Dann hätte ich nicht so viele Themen, die ich bearbeiten muss. Nicht so viel Verantwortung. Und auch nicht so viel Ärger.

Was war für Sie der Tiefpunkt in Ihrer Arbeit als Schulleiterin?

Als das Internat geschlossen wurde. Da kommen mir heute noch die Tränen, wenn ich da dran denke. Das war bitter. Wir hatten viele Schüler im Internat, die es zu Hause nicht aushalten konnten, weil sie mit ihren Eltern Ärger hatte. Dadurch, dass sie bei uns im Internat waren, entspannte sich ihr Verhältnis zu den Eltern häufig, sodass sie gut wieder in ihre Familie zurückkehren und dort weiterleben konnten. Das empfand ich als wichtige Aufgabe. Und ich sehe häufig, dass es Kinder und auch Eltern gibt, die diese Möglichkeit bräuchten. Und da bin ich sehr traurig, dass wir ihnen diese Möglichkeit nicht mehr bieten können.

Wofür hätten Sie gern mehr Zeit?

Für meine Familie. Ich würde gern mehr lesen, einfach mal Freunde besuchen. Waldhorn spielen. Und mehr in meinem Garten arbeiten, ich liebe Blumen, ziehe ein bisschen Gemüse. Ich fände es auch schön, mehr über Schule nachdenken zu können, mehr Zeit für meine Kollegen zu haben. Und ich würde auch gerne mehr reisen. Für mich selbst bleibt mir ganz wenig Zeit.

Wie sieht Ihr Alltag aus?

Ich stehe morgens auf und versorge meine Kinder, dann gehe ich in die Schule und erledige mein Tagesgeschäft, arbeite eins nach dem anderen ab – Gutachten, Telefonate, Gespräche, Briefe, Besucher. Zu Hause gehe ich meistens noch an den Computer, um E-Mails zu beantworten, das schaffe ich tagsüber nicht. Wir haben zwei Kaninchen und seit neuestem fünf Hühner, die ich versorge – das macht mir sehr viel Spaß. Ich wollte auch schon immer gerne einen Hund haben, aber das ist im Moment undenkbar. Wobei: Wenn in meinem Büro kein Teppich läge, hätte ich vielleicht einen ganz großen Hund unter dem Schreibtisch liegen ...

(Das nennt man Teamwork: Die Fragen haben die Rasenden Reporter gemeinsam erarbeitet; geführt haben das Interview mit Frau Dr. Pschibille Ole Birk aus der 6B und Kevin Knittel aus der 8B; Laurenz Zacharias aus der 8B hat es mit mir aufgeschrieben und redigiert. Vielen Dank an alle Rasenden Reporter! Ulrike Bremm)