Wozu also Philosophie?

Wozu suchen, wenn man nie findet? Wozu fragen, wenn es keine sicheren, letztbegründeten Antworten gibt?

Auf diese Fragen gibt es zwei verschiedene, aber durchaus miteinander zu vereinbarende Antworten:

  1. die skeptische: Weil auch die vermeintlich sicheren Antworten aller wissen-schaftlichen Disziplinen nur vordergründig sicher sind – wer sagt mir, dass die Gesetze der Physik oder die Regeln der Biologie wahr sind und sich die Welt wirklich so verhält, wie wir es wissen (oder glauben zu wissen?). Die Frage dürfte also nicht nur auf die Philosophie zutreffen, sondern müsste gleichsam jede Frage nach Wirklichkeit zerstören, weil wir als Menschen niemals sichere Erkenntnisse über die Wirklichkeit erlangen können.

  2. die konstruktive: Weil das Suchen nach Wahrheit ein edles Unterfangen ist, das den Suchenden zumindest von einem der größten Übel unserer Zeit und des menschlichen Denkens und Handelns überhaupt fern hält: dem Übel, bei einer Meinung, einer Perspektive, einem Standpunkt stehen zu bleiben, kurz: ein Vorurteil zur Wahrheit zu erklären. Nicht, dass wir frei werden könnten von jeglichem Vorurteil – das ist nicht möglich, aber auch nicht nötig. Doch des Vor-Urteil-Charakters aller unserer Überzeugungen bewusst zu sein, sich ständig in die Lage zu versetzen, in diskursiver Auseinandersetzung auch überzeugt werden zu können statt immer nur überzeugen zu wollen; diese Haltung zum eigenen (vermeintlichen) Wissen, aber auch zu den Meinungen und Überzeugungen anderer Menschen fördert eine Art von Offenheit und Bereitschaft zur Toleranz, die echte menschliche Gemeinschaft und im wahrsten Sinne menschliches Zusammenleben ausmacht (die aber eben auch über alles hinaus geht, was man „wissen“ kann!).

Es kommt dann nicht mehr darauf an, welchen Standpunkt jemand vertritt, sondern nur, wie gut seine Argumente sind.

In diesem Sinne trägt Philosophie zur Entwicklung einer neuen Art von Selbstbewusstsein und Selbstständigkeit bei: einer Selbstständigkeit, die dynamisch, die flexibel und wandelbar ist, die sich durch alle Wechsel hindurch als Grundhaltung etabliert. Diese ist eben nicht mehr abhängig von festen Fundamenten (und liefe so Gefahr, fundamentalistisch zu werden) oder Dogmen (und liefe so Gefahr, dogmatisch zu werden), sie ist aber durch den Anspruch, aus einer stringenten und nachvollziehbaren Komposition von Argumenten hervorzugehen, gleichsam auch geschützt davor, in Beliebigkeit zu verschwimmen. Sicherheit ohne Abhängigkeit, Standfestigkeit bei höchster Flexibilität und der Bereitschaft, sich immer wieder neu zu positionieren, wenn nur Grund genug dazu ist.

 

Unterricht

Das Fach Philosophie übernimmt so eine besondere Aufgabe im Bereich der Werteerziehung sowie der Erziehung zur selbstständigen und selbstkritischen Auseinandersetzung mit lebensweltlich relevanten und insbesondere für die eigene Entwicklung entscheidenden Fragestellungen. Denn die grundsätzliche Reflexion auf für das persönliche sowie zwischenmenschliche (Zusammen)leben entscheidende weltanschauliche Perspektiven sowie unabdingbare Moralvorstellungen stellt eine der wesentlichen Unterrichtsdimensionen des Faches dar. Seine Ausrichtung am rationalen Diskurs, der von Schülerinnen und Schülern mit ganz unterschiedlichen Wertvorstellungen und Weltanschauungen eine sachorientierte, von gegenseitiger Achtung und Wertschätzung getragene Auseinandersetzung um tragfähige normative Vorstellungen verlangt, lässt den Philosophieunterricht zu einem Ort werden, an dem Werteerziehung sowie Erziehung zur Autonomie konkret erfahrbar werden kann.

So verstanden kommt das Fach Philosophie in besonderer Weise den Leitideen der Schule nach: in kritischer und vorurteilsbewusster Auseinandersetzung mit eigenen und gesellschaftlich propagierten Wertevorstellungen und Wirklichkeitsverständnissen werden Horizonte eröffnet, die den Blick vom bloß Wirklichen in das Mögliche heben und so eine freie und selbstbestimmte Orientierung bedingen. Für diese Orientierung, diese Suche nach einem Selbst- und Weltzugang, die gerade zu Beginn, aber der Tendenz nach in jedem Moment des schulischen Philosophieunterrichts von entscheidender und auch überfachlich entscheidender Bedeutung ist, werden durch die Beschäftigung und Auseinandersetzung mit den verschiedenen philosophischen Ansätzen Grundlagen geschaffen, die die fachliche wie persönliche Entwicklung begleiten. In der wertschätzenden und nach den Grundsätzen des symmetrischen Dialogs aufgebauten Atmosphäre (Punkte 3 und 4 des Leitbilds) des Philosophieunterrichts ist ein diskursiver Zugang in einer Qualität möglich, der gleichsam jene Begleitung bietet, derer es bedarf, wenn Philosophie nicht nur die Vermittlung von Wissen, sondern die Suche nach Weisheit sein soll.

Diese Suche wird inhaltlich gemäß des Kernlehrplans des Landes NRW in verschiedene Bereiche und Fragestellungen gegliedert:

 

Inhalte zur Vorbereitung auf das Zentralabitur

Jahrgangsstufe EF

  • Erkenntnis und ihre Grenzen

    • Eigenart philosophischen Fragens und Denkens

    • Metaphysische Probleme als Herausforderung für die Vernunfterkenntnis

    • Prinzipien und Reichweite menschlicher Erkenntnis

  • Der Mensch und sein Handeln

    • Die Sonderstellung des Menschen

    • Werte und Normen des Handelns im interkulturellen Kontext

    • Umfang und Grenzen staatlichen Handelns

Jahrgangsstufe Q1

  • Das Selbstverständnis des Menschen

    • Der Mensch als Natur- und Kulturwesen

    • Das Verhältnis von Leib und Seele

    • Der Mensch als freies und selbstbestimmtes Wesen

  • Werte und Normen des Handelns

    • Grundsätze eines gelingenden Lebens

    • Nützlichkeit und Pflicht als ethische Prinzipien

    • Verantwortung in ethischen Anwendungskontexten

Jahrgangsstufe Q2

  • Zusammenleben in Staat und Gesellschaft

    • Gemeinschaft als Prinzip staatsphilosophischer Legitimation

    • Individualinteresse und Gesellschaftsvertrag als Prinzip staatsphilosophischer Legitimation

    • Konzepte von Demokratie und sozialer Gerechtigkeit

  • Geltungsansprüche der Wissenschaften

    • Erkenntnistheoretische Grundlagen der Wissenschaften

    • Der Anspruch der Naturwissenschaften auf Objektivität