| "Entschleunigung" als musikalisches Prinzip: |
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Am Freitag, 26.11.2010, durften die Zuhörer, die (u.a. nach dem Elternsprechtag) den Weg in die Aula gefunden hatten, ein bemerkenswertes Konzert erleben: Der erste Teil des Konzerts war mit "Reise und Fortbewegung" bezeichnet, der zweite Teil drehte sich dann zwar programmatisch um das Thema "Tiere", setzte aber das eigentliche Thema "Geschwindigkeit und Langsamkeit" sozusagen unter der programmatischen Oberfläche geschickt fort. Das nicht ganz einfache Stück des brasilianischen Komponisten Villa-Lobos etwa, von Imke Frobeen am Cello und Frauke Stenger an der Flöte präsentiert, machte die Dialektik deutlich: Tempo gegen himmlische Ruhe. Musikalisch umgesetzt wird nämlich in diesem zeitgenössischen Stück das Düsenpfeifen eines superschnellen Düsenjets, übertragen auf Cello und Flöte, aber nur so, wie es (schallgedämpft!) der Reisende im Flugzeug hören kann. Wesentlich gemächlicher war dagegen sicher die Fortbewegung in der Zeit des Barock, so z. B. bei der "Abreise des Bruders" (von J. S. Bach), die von Holger Knöbel plastisch dargestellt wurde. Holger Knöbels Klavierspiel zeichnete sich wie immer durch die für ihn typischen Eigenschaften aus: glasklare Zeichnung der einzelnen polyphonen Stimmen, und weiter: Humorvolle Passagen werden didaktisch pointiert, so dass sie leicht von jedem verstanden werden können. Und Holger Knöbel gelingt es, in fast jedem Klavierwerk ein Stück Humor zu finden: dies war auch der Fall bei Debussys berühmtem "Gollywoggs´s Cakewalk", einem jazzbeeinflussten Stück. Programmatisch eher als Militärparodie kam danach ein Stück von B. Britten daher, das Kampfgetümmel einer Schlacht (Trompetensignale und Marschzitate) satirisch für das Cello umsetzte, mit viel Witz von Imke Frobeen präsentiert. Die "hidden agenda" des Abends, nämlich "Entschleunigung und Beschleunigung", wurde dann von Cello und Klavier mit zwei Stücken im direkten Kontrast aufgegriffen: Zuerst beim berühmten "Schwan" von Saint-Saens (für Cello und Klavier) und dann beim ebenso berühmten "Hummelflug" von Rimsky-Korsakov, (für Cello und Klavier), beide Stücke unmittelbar hintereinander gespielt. Selbst gestandenen Musikern wie Holger Knöbel und Imke Frobeen fiel es dabei zunächst ein wenig schwer, die himmlische Ruhe des über den See gleitenden Schwans einzufangen, stand diesem doch sozusagen schon der "Angriff des Hummelgeschwaders" unmittelbar bevor. So geriet die Darbietung des Schwans vielleicht einen Hauch zu schnell, dadurch aber auch jede Gefahr von Kitschigkeit und übertriebener Romantik vermeidend, so wie Imke Frobeens Cellospiel überhaupt durch einen angenehm schlanken und verinnerlichten Ton überzeugen konnte. Das pastorale "Syrinx" für Soloflöte von C. Debussy (Frauke Stenger), „Pan“ für Oboe von B. Britten und das impressionistisch gemalte "Autumn Evening" von Gaubert führten die Zuhörer weiter in eine Welt aus Ruhe und Gelassenheit, letzteres Stück hatte dem Abend übrigens seinen Namen auf dem Plakat gegeben. Hervorragend moderiert von Teilnehmern des Musikgrundkurses 11, konnten die Zuhörer weitere Stücke zum Thema "Tempo und Langsamkeit" kennenlernen, einmal das wiederum impressionistische Stück "Jimbo´s Lullaby" über einen tanzenden Elefanten (Debussy) und ein Stück über eine Boogie-Woogie tanzende Schildkröte (Hiller), hier waren als nicht jeweils zwei gegensätzliche Werke zum dialektischen Thema gewählt worden, sondern die Thematik war den Stücken schon eingepflanzt, so dass diese Ideen musikalisch schön ausgearbeitet werden konnten. Tido Frobeen brachte dann eine ganz andere Klangfarbe ins Spiel, nämlich die eines gigantischen drei-oktavigen Marimbaphons, auf dem er in souveräner Manier einen "Rain Dance" darbot. Hier wurde mit wiederholenden musikalischen Formeln die Vorstellung von Wiederkehr und Langsamkeit in indianischen Mythen beschworen: für zwei Tage Regen heißt es in einigen Gebieten von Texas 363 Tage warten, so erklärten es die Moderatorinnen des Abends. Bevor Tido Frobeen noch mit allen Mitwirkenden eine Zugabe zum Besten gab ("Tolle Kavallerie"), durften die Zuhörer noch Bartoks Trio "Auf dem Lande" mit nach Hause nehmen. Dieses Stück war eindeutig der innere Zielpunkt des Abends, die hier erreichte innere Ruhe, die auskomponierte Stille des Werkes, löste den Kontrast zwischen Tempo und Langsamkeit endgültig auf, statt einem dynamischen und temporeichen Höhepunkt hinzustreben, wie dies viele Konzertprogramme mit dem Prinzip der Steigerung versuchen, wurde hier der umgekehrte Weg eingeschlagen und zielsicher erreicht: In Herchen war nach einer guten Stunde die "Ruhe auf dem Lande" in der Aula eingetreten, danach konnte nur noch die Ruhe des Novemberabends draußen vor der Tür diese Ruhe steigern. So war dieses Konzert nach der enormen "Beschleunigung" des Elternsprechtags (Gespräche im 10-Minuten Galopp und das einen ganzen Tag lang) ein wirkungsvoller Ausgleich. Vielen Dank! (Dr. Klaus Zöllner, Herchen) |
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