Am Dienstag, den 19.7.2011, ging eine Musical-Revue über die Bühne des BGH, in der die letzten Dekaden der Popmusik von den Kunst-Musik-Kursen der Stufe 8 unter Leitung von Ralf Dierenfeldt, Ulrich Wendland und Holger Knöbel in Beziehung gesetzt wurden zur Biografie einer imaginären ehemaligen Schülerin des BGH, jetzt bereits im Großmutteralter, und ihrer Enkelin, ebenfalls BGH-Schülerin.
Dadurch ergaben sich Möglichkeiten von Zeitreisen in die jeweiligen musikalischen Epochen der 50er, 60er, 70er, 80er, 90er, 0er (?) , 10er (?) Jahre der letzten Jahrzehnte.
Dass die letzten beiden Dekaden sprachliche „Nullstellen" sind, hieß durchaus nicht, dass in diesen 20 Jahren keine gute Musik komponiert worden wäre.
In Verbindung mit sehr gut ausgesuchten Bildern wurden die Texte durchaus auch kritisch kommentiert und z.T. konterkariert, so dass eine zusätzliche Verstehensebene erzeugt wurde. Außerdem halfen die Bilder den Zuschauern, sich zeitlich zu orientieren, zumal die Reihenfolge der Nummern chronologisch aufgebaut war.
Eine Schülerin führte als MC (master of ceremonies) durch die Jahre, eine Familie mit Opa und Oma erhielt Gelegenheit, „ihre" alten Songs der Enkelin vorzuspielen. Dabei wurden alte und neue Medien wie Plattenspieler, Music box und Laptop jeweils zeittypisch als Requisiten verwendet, umgekehrt konnte die Enkelin den Großeltern „ihre" Musik vorstellen.
So ging es gleich aktuell los mit Bruno Mars (Grenade), dem ein Rock´n Roll Titel aus den 50er Jahren entgegen gestellt wurde: ‚Rock around the clock' von Bill Haley.
Die zum Teil in wechselnden Besetzungen agierende Band musste dabei blitzschnell die Stile wechseln. Torben Tuttlies (Bass), Tido Frobeen, Leon Mühlpfordt, Julian Molitor (Drums), Daniel Lenz (E-Gitarre), Jule Schneider (Violine), Leonie Vangelista (Flöte) und Holger Knöbel wurden ihrer Aufgabe dabei mehr als gerecht.
Sehr beeindruckend war der Riesenchor der Schüler/innen aus den Klassen 8, der sehr intonationssicher singen konnte und nie nachließ, die Solisten zu unterstützen und anzufeuern.
Die sich ablösenden Formationen machen es dem Rezensenten anfangs etwas schwer, andererseits lebte die Aufführung vom ständigen Wechsel aller Beteiligten.
Besonders bestach der schöne Gesang alter Evergreens wie z. B. im berühmten „California Dreamin`" mit Flötensolo von Leonie Vangelista und mehrstimmigem Chorsatz. Diese Musik schien dem Opa der Familie, perfekt dargestellt von Christopher Marx, besonders zu gefallen.
Das angesprochene Thema ‚Generationskonflikt' wurde danach im Song 'Father and Son' aufgegriffen, sehr gefühlvoll von Jule Schneider auf der Geige begleitet und von Melania Montserrat mit wirklichem Soul in der Stimme vorgetragen.
Man darf vielleicht sagen, dass bei diesem Lied der emotionale Funke auf das Publikum übersprang; die Erkenntnis machte sich breit, dass man mit Musik die Dinge ausdrücken kann, die man mit Worten nicht sagen kann.
Das traf auch auf das jedem bekannte Riff aus „Smoke on the Water" zu:
Daniel Lenz hatte seinen großen Auftritt und spielte das Solo perfekt, ein musikalisches Highlight, welches man in einer Schule nicht allzu oft geboten bekommt. Die Zuhörer verglichen beim Hören innerlich mit dem Original, das man noch im Ohr hat und waren begeistert von der neuen, ganz alten Version.
Genau das hätte natürlich ein abendfüllendes Konzept sein können für die ganze
Veranstaltung, eine Idee, die nahegelegen hätte, nämlich:
Wie spielten die Musiker des Bodelschwingh-Gymnasiums „Rock around the clock" in den
50er, Jahren oder in der 60er Jahren und wie wirkt es, wenn wir die alten Aufnahmen und
Videos unserer Schüler/innen (und Lehrer/innen) den heutigen Aufnahmen gegenüberstellen? Dieser Gedanke machte schmerzlich bewusst, dass es kaum noch Aufzeichnungen der früheren Musikereignisse am BGH gibt und selbst wenn doch, wäre dies eine Herkulesaufgabe für einen Musikarchivar am BGH, der erst noch geboren werden müsste.
(Oder gibt es ihn schon?)
Aber Kunst besteht in der Kunst der Beschränkung, so dass es auch reizvoll sein kann, mit ganz wenigen Mitteln große Effekte zu erzielen: eine an diesem Abend nicht vorhandene Riesenpublikumsmenge kann man auch spielen und durch diese Künstlichkeit Kunst erzeugen: Ralf Dierenfeldt, Holger Knöbel und Ulrich Wendland glichen diesen „Mangel" einfach dadurch aus, dass der Chor bei Bedarf von der Bühne abging und vor der Bühne die Stars auf der Bühne anhimmelte, so dass dabei Höschen flogen und die Groupies vor Verzückung in Trance gerieten: ein wirkungsvoller Regieeinfall, der auch den Solisten half, wie z.B. Martin Brouwers, der als exaltierter Sänger kaum wiederzuerkennen war.
Eine ganze Reihe von Sängerinnen und Sängern hatte ihr Debüt als Solisten auf der großen Aulabühne und man merkte es ihnen teilweise anfangs auch an. Aber mit zunehmendem positivem Feedback aus dem Publikum gewannen sie innerhalb dieses einen Abends einen großen Zuwachs an Bühnensicherheit und Freude am eigenen Tun.
Sehr schön trotz der hohen Lage gelang auch der Auftritt der „Dancing Queens" mit My
Sophie Peth, Johanna Steber und Jaqueline Eutebach.
Johanna Steber und Jana Hillert merkte man bei ihren Soli schon eine durch viele Auftritte gewonnene Bühnenpräsenz an, sie sind sängerisch auf einem guten Weg.
Im Duett mit Jana Hillert gewann Anna-Lena Christmann in einem gefühlvollen
Duett zunehmend Gefallen an ihrer Bühnenpremiere und gewann das Publikum für
sich.
Nicht vergessen werden sollten auch die schönen Tanzeinlagen, etwa das unverwüstliche
‚YMCA' von den Village People oder bei ‚Rock around the clock'.
Wenn es wirklich stimmt, dass Kunst in der Beschränkung liegt und dass Fußball deswegen vielleicht sogar eine Kunst ist, weil man eben nicht alles einsetzen darf, was man hat (Hände z.B.!), dann war dieser Abend ein Beispiel dafür, dass man auch (oder erst) Kunst produzieren kann, wenn man nicht alle verfügbaren Kräfte und Medien einsetzt, eben nicht eine große Gala veranstaltet, sondern nur genau dieses Gefühl der großen Gala im Publikum erzeugt.
Genau das ist den Musikern und Musikerinnen des Abends in hervorragender Weise gelungen; das Publikum dankte es mit einer Applausstärke, die einer großen Gala angemessen gewesen wäre.
(Dr. K.-J. Zöllner)
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