Musical "Kloraoke" vom VP-Kurs der Stufe 12 aufgeführt: "Peristaltik" als musikalisches Prinzip
Das hätte man sich ja denken können: Wenn die hochmusikalische Stufe 12 des BGH (u.a. mit Nils Turner als "the King´s Jester") zusammen mit Holger Knöbel ein Musical entwickelt, wird etwas ziemlich Schräg-Erfolgreiches dabei herauskommen, denn ein "telling name" (wie "Turner" = Verdreher) verpflichtet geradezu:
Und in der Tat war hier am Mittwoch, 20.Juli 2011, einiges verdreht.
Statt eines typischen Musical-Bühnenbildes hatte man links ein
überdimensioniertes (Klo-)"Häuschen" auf der Bühne aufgebaut, das eher von der
bekannten Fertighausfirma DIXI produziert worden zu sein schien als vom Kursmitglied Jonna-Lotte Kessing. Dieses gar nicht "stille" Örtchen wurde multifunktional auch als
Zeitmaschine eingesetzt, mit der man sich wahlweise in musikalische
Epochen zappen kann.
Nach einigen Minuten wurde die Genialität des Konzepts
deutlich, allerdings nur, wenn man den Titel des Musicals wirklich
entschlüsselt und immer weiter "verdichtet":
Klo+ Karaoke = Kloraoke: Im Englischen nennt man diese Art von
Wortspielen "telescoped words" (wie zum Bsp.: smoke+fog=smog) und genau
dieser wie ein Teleskop zusammengeschobene Titel des Musicals war
gleichzeitig die Gesamtidee des Musicals und des VP-Kurses für den
äußerst unterhaltsamen Abend:
Durch extreme Verdichtung des "Materials" wird
eine das gesamte Musical tragende Idee:
Die grundlegende Erkenntnis, dass "Dichtung" von "Verdichtung" kommt,
wurde hier geschickt auf die Peristaltik im menschlichen Körper
übertragen und von da aus wieder zurückgetragen:
In der Tat kann man hier wohl vom musikhistorisch ersten "peristaltischen Musical" überhaupt sprechen:
Dies sind die Gründe: "Verdichtung der Handlung" auf ein Minimum, ja auf ein bloßes Gerüst, sowie extreme Dichte und Häufung der vorgetragenen Stücke aus den letzten
Jahrzehnten der Popmusikgeschichte:
Von Ray Charles ging es über Amy Winehouse,
den Spice Girls, Lena, PUR, Clueso, Marianne Rosenberg, Bob Marley,
Robbie Williams!, Pink, Nirvana bis hin zu den Beatles.
Das erste "peristaltische Musical" gewann unheimlichen Drive durch diese
Verdichtung, so überzeugten Gerrit Ewert, Johannes Schalm, Richard Moh
und Jana Schumann mit einer gelungenen Beatles-Parodie, Gianna Pludra
und Vivian Hundhausen waren "Silbermond", wobei Vivian ganz wunderbar
die Körpersprache und Attitüde der heutigen Popsängerinnen verkörperte; da wurde nicht nur gesungen, sondern auch gespielt.
Unterstützt von einer bewundernswert guten Band, die aus Tido Frobeen,
Daniel Lenz, Sebastian und Holger Knöbel bestand, wurden die
Werke der Popliteratur nicht einfach nachgespielt, sondern auf eigene
Art "verdichtet". Aufrichtigen Glückwunsch!
Besonders deutlich wurde dieses Prinzip des "reduce to the max" während des Vortrags von Dajana Schaffrath: Sie parodierte Marianne
Rosenbergs berühmtes "Er gehört zu mir" nicht einfach im Sinne einer
Satire, die ihr Objekt lächerlich machen will, sondern es gelang ihr,
die extrem hohe, obertonreiche und schneidende Stimme des Vorbilds so
zu singen, dass ihre Bewunderung für genau diese Stimme ebenfalls
gleichzeitig deutlich wurde, eher im Sinne einer Verdichtung oder
Überhöhung als im Sinne einer Ironisierung also. Robert Moh dann
ebenso...
Das Prinzip "Verdichtung" betraf die Handlung ebenso wie die wahnwitzig
schnelle Abfolge der Nummern innerhalb von nur einer guten Stunde: Als "trash"-Element war eine Bar am rechten Bühnenrand (Karaokebar)
aufgebaut, es gab eine tragische Dreiecksgeschichte zwischen
Andreas und seinen beiden Freundinnen (Asanja Schönlau und Sabrina Franken), dazu kam noch ein "bad guy",
wunderbar an den jungen Mario Adorf erinnernd, quasi als menschliches
Zitat: Farhat Qarizada.
Es würde den Rahmen einer Konzertkritik sprengen, wenn man alle
gelungenen Beiträge auflisten wollte. Neben den feinsinnig ausgesuchten
Hintergrundbildern über Beamer, die die Songs begleiteten, neben dem
sehr präsenten und gut trainierten Background-Chor, neben der guten
Ausleuchtung der Bühne, neben der guten Soundabmischung der
unermüdlichen Technik-AG stachen vor allem einige Beiträge hervor, die
im Gedächtnis haften bleiben:
Vielleicht sollte man in diesem Zusammenhang darauf hinweisen, dass
neben den alten Bühnenhasen wie Jannik Rörig, Dajana Schaffrath, Gianna
Pludra, Nils Turner (schon als "Ritter Rost" in Klasse 5 sich sehr
ähnlich) eine Menge eher neuer Gesichter auf der Bühne standen, die in
vorbildlicher Weise von den Routiniers an die Hand genommen wurden, was
sich in Mimik und sich gegenseitig vergewissernden Gesten deutlich
wurde.
Besonders gefallen haben dem zahlreichen Publikum:
Nicola Müller als Amy Winehouse und ihre ‚angeschickerte' Art, selbst
noch im Background-Chor durchgehalten; Charlene Hundhausen, Celina Loyek und Nils Turner im
Terzett; die schönen Kostüme der Spice Girls; Jonna Lotta Kessing als
schwarzperückte "Lena"; Julian Richter und als Gegenstück Nils Turner
als Bob Marley; der nicht vorhandene Robbie Williams, der nur seine Background-Sängerinnen schickte; die unglaublich präsenten Sängerinnen
Sophia Walgenbach, Anna Marzinzik und Jana Schumann, darüber hinaus die
"incredible Enderle sisters", die hier selbst eine Zitat voneinander zu
sein schienen und deshalb ideal ins Bühnenkonzept passten (s.o.) und
Holger Knöbel, der sich nicht zu schade war, dieses trashige Konzept auf
die ihm eigene Art umzusetzen, so dass das Gesamtkunstwerk immer mit
einem Augenzwinkern über die Bühne ging; nur so kann solch eine Idee
funktionieren. (Die sogenannten "savants" berichten uns übrigens, dass
sie Sprache auf genial einfache Art lernen: Alles, was im Deutschen
verdichtet und zusammengequetscht gedacht wird, beginnt mit "Kn": also
Knolle, Knall, Knoten, Knochen, Knospe. Honi soit qui mal y pense!)
Coda: 8 Jahre sind eine lange Zeit im Leben unserer höchst musikalischen
Stufe 12, schön, dass wir sie noch ein Jahr länger behalten dürfen als
den Nachwuchs in Klasse 8.
Das eine noch verbliebene Jahr werden sie
hoffentlich locker auf einer Backe absitzen, wenn auch hoffentlich nicht
nur in der "Kloraoke-Bar".
(Dr. K-J. Zöllner)
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