| Mongoleireise 2010 |
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Persönliche Eindrücke aus der Mongolei, 15. bis 29. Juli 2010 Am 15. Juli um 5.00 Uhr morgens geht es los. Aufstehen, Koffer zu machen, Abfahrt Richtung Bahnhof. Mongolei – wo liegt das denn? – Naja, es ist irgendwo in der Mitte von Asien zwischen China und Russland. Warum fährt man freiwillig dahin? – Nun es gibt einen (in Deutschland einmaligen) Schüleraustausch zwischen der mongolischen Goethe-Schule (durch die Bundesregierung Deutschlands finanziell gefördert) in Ulan Bator (Hauptstadt der Mongolei mit ca. 1,2 Mio. Einwohnern) und dem Bodelschwingh-Gymnasium in Herchen. Zum achten Mal erfolgt dieser Austausch, initiiert durch persönliche Kontakte zwischen den Schulleitern der beiden Schulen. – Nun bleibt trotzdem die Frage: Warum fährt man dahin? – Dies soll der geneigte Leser selbst beurteilen, bzw. im anschließenden Fazit dieses Textes erlesen. Vor unserem „kleinen“ Trip um die halbe (fünftel) Welt erfolgte im Januar/ Februar ein sechswöchiger Besuch von 13 mongolischen Schülern und Schülerinnen in Deutschland. Nun machen wir einen 14-tägigen Gegenbesuch bei den entsprechenden Familien. Voraussetzung für die deutschen Jugendlichen ist es, dass ein Elternteil mitreist, so kommt unsere insgesamt 13-köpfige Delegation (davon 6 Jugendliche zwischen 14 und 17 Jahren) zustande. Die Zugfahrt von Köln nach Berlin und der Flug mit der mongolischen Fluggesellschaft MIAT von Berlin nach Ulan Bator mit insgesamt ca. 20 Stunden Dauer ist ereignislos und eher etwas für Menschen mit Sitzfleisch. Nach mongolischer Zeit kommen wir morgens um 8.00 Uhr an und werden von den Austauschschülern bzw. deren Eltern am Flugplatz in Empfang genommen. Der erste Eindruck von der Mongolei ist verheerend. Schlechte Straßen (riesige Löcher), eine grausame Fahrweise (auch unsere Gastgeber kennen nur Gaspedal und Hupe), Müll wo man hinschaut, und scheinbar baufällige Häuser bzw. Zelte (sogenannte Jurten) im Randbereich der Stadt – ja wir sind nicht in Deutschland sondern scheinbar in einem Entwicklungsland. Ankunft in der Familienwohnung – ein mehrstöckiges Hochhaus in einer entsprechenden Wohnsiedlung erreichbar über nicht geteerte Straßen – ein abschreckender Eindruck. Wir steigen aus dem Auto, wir sehen eine ältere Frau aus einem der Wohnblocks kommend, sich neben die Haustür setzend und urinierend. – Wo sind wir hier hingekommen? Der Hauseingang und das Treppenhaus mit einem ähnlich abgerissenen Erscheinungsbild. Überraschend ordentlich und sauber ist die Wohnung – es gibt einige sehr ansprechende Möbelstücke, die auch in jedem gehobenen deutschen Haushalt ihren berechtigten Platz einnehmen könnten. Hier lebt unser Austauschschüler mit Namen Tamir (15 Jahre) mit seiner 20-jährigen Schwester und seinem 19-jährigen Bruder. Die Eltern wohnen zwei Blocks weiter in einer eigenen Wohnung (beide berufstätig). Es gibt eine kleine Küche, ein großes Wohnzimmer, eine große Abstellkammer, einen großen Flur, für jeden der Jugendlichen ein eigenes Zimmer, ein kleineres Kommunikationszimmer mit Telefon und internetfähigem PC, zwei Toiletten, ein Badezimmer und ein zusätzliches, fein eingerichtetes Schlafzimmer für die Großeltern, welches uns zur Verfügung gestellt wird. Das Besondere ist eine kleine Sauna, die eher völlig unmongolisch, manchmal vom Großvater genutzt wird. Man spürt den Einfluss des Großvaters, der hier das uneingeschränkte Familienoberhaupt ist, in vielen Bereichen. Die Großeltern selber leben etwas außerhalb der Stadt in einem von drei Sommerhäusern, bzw. zur kalten Jahreszeit im eigens dort erbauten Winterhaus. Tamir ist ein sehr aufgeschlossener Junge, der sich in den kommenden zwei Wochen sehr rührend und fürsorglich um uns kümmert, dabei hat er ein unglaubliches Organisationstalent für alle möglichen und unmöglichen Wünsche. Den ersten Tag füllen wir mit Museumsbesuchen (Naturkunde und Geschichte) und natürlich dem Besuch eines Tempels. Nach der Beendigung der ca. 70-jährigen sozialistischen Herrschaft in der Mongolei in den beginnenden Neunzigerjahren spielt Religion wieder eine bedeutende Rolle – insbesondere der Buddhismus hat sich wieder etablieren können. So überrascht uns eine ca. 20 Meter hohe vergoldete Buddhistische Figur in einem Tempelhaus (fotografieren verboten) um die wir beim Drehen von unzähligen Gebetstrommeln („Drehbare Wurstdosen“ mit einer Mindestgröße von 40 cm Höhe und einem Durchmesser von ca. mind. 20 cm) herum „wandern“. Das Gandan Kloster ist ein Muss für jeden Besucher der Hauptstadt Ulan Bator. Man wird sehr schnell auch in die Geschichte der Mongolei mit ihrem großen Reichsentwickler Dschingis Khan und seinen erfolgreichen Nachfolgern eingeführt. Man spürt, dass dieses Land zur Zeit der Kommunisten seiner Geschichte beraubt wurde, sich nach einer neuen erfüllten Geschichtsschreibung sehnt – auch wenn dies manchmal zu einer leichten Übertreibung der eigenen Leistungen führt, so ist das Mongolische Reich bis heute das größte Reich der Weltgeschichte gewesen, sie haben das Passwesen erfunden und einen sehr liberalen Umgang mit Religionen gelebt („an welchen Gott Du glaubst ist nicht wichtig, Hauptsache Du glaubst“, sagt zu einem späteren Zeitpunkt der sehr beeindruckenden Großvater in einer Diskussion über die christliche und buddhistische Religion). Naturkundlich ist zu erwähnen, dass nur im hiesigen Museum, neben New York, ein vollständig erhaltenes Skelett eines Dinosauriers zu finden ist. Für Entdeckungen zu Knochenfunden aus dieser Zeit ist die Mongolei in Fachkreisen weltberühmt. Am meisten beeindrucken die andersartigen Wertvorstellungen im gesellschaftlichen Leben, die man erst verstehen kann, wenn man weiß, dass die meisten der Stadtbewohner noch irgendwo „auf dem Lande“ geboren wurden und in einer vollständig unstädtischen Lebensweise aufgewachsen sind. (Die Hauptstadt Ulan Bator hat ihre Einwohnerzahl in den letzten 40 Jahren versechsfacht; hier lebt heute ca. ein Drittel der gesamten Landesbevölkerung). Am darauffolgenden Morgen geht es zur ersten von insgesamt drei Reisen in das umliegende Land (Kennenlernen der Steppe, der Bergformationen und der Ausläufer der Wüste Gobi). Die meist baumlose Weite, die Jurten (bis heute meistverbreitete Behausungen in Zelten), die vielen frei umherstreifenden Herden mit Ziegen, Schafen, Kühen und natürlich Pferden, alles dies ist beeindruckend. Wir besuchen den Geburtsort des Volkshelden Dschingis Khan (ca. 1162 – 1227), Heilquellen, natürliche Badeseen, wir durchwandern die riesige Weite der Steppe, besuchen mehrere traditionell lebende Mongolenfamilien in ihren Jurten (die uns entgegengebrachte Gastfreundschaft ist immer wieder ein Erlebnis), wir treffen Jäger in der Weite der Landschaft, sehen zu wie die Herden „eingesammelt“ werden, überwandern Bergkuppen, erleben die besondere Art des Schlachtens einer Ziege (der Umgang ist unseres Erachtens wesentlich „menschlicher“ als wir es in unseren Schlachtfabriken handhaben), essen und trinken die verschiedenen Milchgerichte (Pferde-, Kuh-, Ziegen- und Schafsmilch) z.B. Milchschnaps, verschiedenste Käsesorten, Erfrischungsgetränke usw., wir erleben die besondere, teilweise künstlerisch hochwertige und meditative Atmosphäre der Klöster mit ihren Gebetsmühlen, sehen den wenige Minuten dauernden Aufbau einer Jurte, bewundern die einfache aber schmuckvolle Möblierung und den traditionellen Buddha-Schrein an der Nordseite der Jurte, genießen den weiten Blick über Steppe und Täler, sehen besondere Felsformationen und erklettern diese teilweise, erleben das Naturschauspiel eines Gewitters, fühlen die klare Luft, finden Erdmännchen und Murmeltier, wildlebende Przewalskipferde und natürlich wird viel nach mongolischer Art geritten (eher stehend als sitzend auf sehr zähen und befehlsgewohnten Pferden). Sehr beeindruckend sind auch die künstlerischen Darbietungen im Nationaltheater mit dem fast unmenschlich wirkenden Kehlkopfgesang, dem Orchestra mit vielen Pferdekopfgeigen, die in ihrer Virtuosität durchaus auch einen mitteleuropäischen Konzertsaal füllen würden, den Tanzeinlagen mit Paar- und Gruppentänzen und nicht zuletzt den Menschen, die sich wie knochenlos verbiegen können. Dieses alles ist unbeschreibbar und muss selbst erlebt werden. Auch wenn wir keine Wölfe, Bären, Steinböcke und Wildschafe gesehen haben, so ist die Nähe zur Natur intensiv. Wenn man all diese Dinge gesehen und durchlebt hat, erscheinen die schockierenden Erlebnisse der ersten Tage plötzlich klein und unwichtig. Man erkennt und versteht, was in diesem Kulturkreis wichtig ist, und warum der Begriff „unhygienisch“ oder „Rücksichtnahme“, trotz der gänzlich anderen Interpretation von Hygiene und Höflichkeit, völlig fehl am Platz ist. Die Menschen hier sind geprägt von der naturnahen Landschaft und dem kulturellen Leben der Nomadenfamilien; sie sind nicht wohlstandsverblendet wie die Menschen unseres Kulturkreises. So habe ich niemals Kot an meinen Schuhen kleben gehabt, weder in der Stadt noch draußen auf dem Land (was in Deutschland, mit den verwöhnten Hunden und vermenschlichten Ansichten über den Umgang mit Tieren, kaum vermeidbar ist). Wir haben auch sehr viel über das persönliche Lebensumfeld unserer Gastfamilie erfahren dürfen, es gab intensive Diskussionen über Gott, den Vergleich der buddhistischen und christlichen Religion (wodurch durchaus auch der Blickwinkel auf die Stärken und Schwächen der eigenen Religion geschärft wird) und das intensive Interesse an unserer Meinung zur mongolischen Lebensart. Wir haben ein Land erlebt, welches nach den jahrzehntelangen kulturellen Wirren nach einer neuen Identität sucht und diese sich auch erarbeitet.
Fazit: War die Reise es wert, Kosten von insgesamt ca. 1.450,- € je Person und die körperlichen Strapazen auf sich zu nehmen? - Ja, unbedingt. Als Vater habe ich mit eigenen Augen gesehen, wie wichtig es ist, den Jugendlichen (die in Kürze zur Bildungselite unserer Gesellschaft gehören sollen) mehr als nur Daten und Fakten zur Verfügung zu stellen. Der Umgang, das Erleben, der Austausch und die Diskussion auch und gerade mit sehr fremdartigen Kulturen, sind in unserer globalisierenden Welt unerlässlich für eine ausreichende Persönlichkeitsentfaltung. Zumal, wenn man zu den Menschen gehört für die Camping und Zelten kein Fremdwort ist, kann ich diese Reise nur dringend empfehlen – dieses Geld ist gut angelegt. Uns jedenfalls hat und wird diese Reise und der gesamte Schüleraustausch nachhaltig beeinflussen – und das nicht nur, weil wir neue Freunde in einem großen fremden Land gefunden haben, sondern auch, weil dies den Blick für die eigenen Wertvorstellungen deutlich intensiviert und geschärft hat. Eine positive Kritik an der eigenen Lebensweise, die zu neuem Verhalten führt. Ein großes Dankeschön an die beiden Schulen, weil diese, trotz der immer wieder auftretenden Widrigkeiten, bereit sind diesen Schüleraustausch am Leben zu erhalten. Es sind Menschen (meistens nur wenige), die bereit sind, diese Arbeit und Verantwortung auf sich zu nehmen – vielen Dank!
Lukas (Klasse 9a) und Georg Freidhof
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